„Mach’s nochmal, Giaco!“

Warten, dass es los geht

Das Schützenjahr mit unserem König Christian Giacomin und seiner Königin Anna neigte sich dem Ende zu: Das Königschießen stand an. Hatten wir in der vergangenen Saison einen „Sonnenkönig“, wollten die Wolken an diesem Samstag Nachmittag einfach nicht dicht halten: Teils kräftiger Regen verschleierte den Blick auf den Holzadler, den es aus dem Kasten in luftiger Höhe zu entfernen galt. Es schien, als trauere das Wetter mit dem König zusammen um das Ende seiner Amtszeit.

Zunächst mehr noch aus Wehmut stellte sich „Giaco“ wieder in die Reihe derer, die scharf auf die Insignien waren, mit denen das Geflügel ausgestattet war: Der Apfel ging jedoch an Peter Karrasch, das Zepter konnte Michael Spieker dem Raubvogel erfolgreich entreißen und die Krone „ballerte“ ihm Stefan Thormann vom befiederten Kopf. Allerdings gab es dabei eine Unterbrechung, da nicht nur das Wetter das Schießen zu verhindern suchte, sondern auch der Schießprügel: Das güldene Schnitzwerk im aufgezogenen Kasten erwies sich als sehr hartnäckig, eisern umklammerte der Greif seine Ehrenzeichen. Nachdem nun Kugel um Kugel in den Turm mit dem Holzgetier hämmerte, brach der Schlagbolzen des Gewehres unter der Last des Dauergebrauchs.

Es regnete leider Bindfäden.

Peter Koch als versierter und verantwortlicher Techniker konnte diesen Defekt jedoch in wenigen Minuten beheben: Nur eine kurze Erholungspause für die Schützen, den angeschossenen Vogel und den frisch ausgebauten, mittlerweile aber schon wieder stark in Mitleidenschaft gezogenen Schießkasten. Kurzzeitig wurde dann die Schlange hinter dem Geschütz wieder etwas länger und die Munition wurde gegen potentere Pyrotechnik ersetzt, als es darum ging, den Bierkönig auszuschießen: Ein stilisiertes Bierfass, welches ebenfalls im Zielquadranten verbaut war, musste restlos entfernt werden.

Als dieses geschafft war, dünnte sich die Zahl derer, die noch hinter der Langwaffe verblieben um dem Adler den Rest zu geben, merklich aus. Unter den letzten wackeren Recken befand sich auch ein Kamerad, der als Aspirant für die Königswürde heiß gehandelt wurde. Scheinbar war dieses allerdings nur ein Ablenkungsmanöver, denn „kurz vor Knapp“ war der Mitstreiter plötzlich verschwunden. Wahrscheinlich hatte er noch Buntwäsche auf dem Herd, die nun wichtiger war. Oder er bekam schlichtweg kalte Füße …

In der Schießhalle konnte man das Geschehen am mittlerweile nur noch fragmentiell anwesenden Adler auf einer Leinwand verfolgen

Mit traurigem Blick ließ sich der alte König noch einmal das Gewehr laden. Einmal noch dieses Gefühl, auf den Adler zu schießen. Einmal noch dieses Kribbeln im Bauch, ob der Vogel abstürzt. Ob gleich der Jubel aufbrandet. Was war es doch für ein schönes Schützenjahr! Einmal mittendrin statt nur dabei. Die Unsicherheit beim Kennenlernabend, was nun kommen mag, Krönung, Ständchen, Vorbeimärsche, Einladungen zu auswärtigen Festen, all der Schmuck, die hübsch eingepackten Frauen, dann der Abschiedsabend, während dem so einige Male wehmütig geseufzt wurde … das alles sollte bald vorbei sein.

Obwohl … wieso eigentlich? Es hatte so viel Spaß gemacht, und nun war es nur noch ein kleiner Schritt, ein Fingerzucken am Abzug! Kurzerhand verließ „König Giaco“ den Feuerstand und suchte seine Königin und den alten Hofstaat, die im Schießstand ebenfalls etwas traurig auf den letzten, alles beendenden Treffer warteten, und fragte die verdutzte Truppe: „Leute, da oben im Kasten hängt nicht mehr viel. Und unten am Gewehr steht auch nicht mehr viel. Habt ihr nochmal Bock? Also, ich schon.“ Nach der ersten Phase der entsetzten Gesichter und dem langsamen Sacken lassen des Gesagten war sich die Truppe um Christian jedoch einig: „Ja. Wir stehen hinter dir. Wir hängen noch ein Jahr dran!“

„König Giaco“ gibt dem Adler den Rest!

Der Italiener verließ daraufhin mit forschem Schritt und selbstsicherer Mine das Gebäude und baute sich unter den verdutzten Blicken der Anwesenden hinter dem Schießeisen auf. Sein Blick war sicher, der Adler mürbe, und der Schütze, der über die Alpen kam, krümmte den Finger am Abzug um die entscheidenden 5 Millimeter. Mit einem lauten Knall beschleunigte die Treibladung der Patrone das Blei, tödlich hämmerte das Projektil in das helle Holz und spaltete den verbliebenen Torso der Länge nach auf – die Sensation war perfekt: Christian Giacomin war ein zweites Mal König der Bürgerschützengilde! Noch deutlicher kann man nicht zeigen, dass die Königswürde weder eine Last ist, noch den Würdenträger finanziell ruiniert! Und noch einen Vorteil hat die erneute Königswürde: Die Presse konnte die Fotos vom letzten Jahr, die bei bestem Wetter gemacht wurden, zum Teil recyceln …

Der Verfasser freut sich jedenfalls auf ein weiteres aufregendes Schützenjahr – und abermals stellt die zweite Kompanie den König!

 

IB