Entscheidung auf dem Schützenberg

20150705_153913Zum jährlichen Königschießen versammelte sich das Bataillon und viele Schaulustige mit dem Adler bei flirrender Hitze auf dem Schützenplatz. Und wir Kameraden der 2. Kompanie waren besonders gespannt: War doch vorab schon durchgesickert, dass in diesem Jahr eines unserer Mitglieder scharf darauf war, die Königswürde in unsere Kompanie zu tragen! Christian Giacomin hatte sich bestens vorbereitet, um die Majestätenkette zu erringen. Gerüchte über weitere Bewerber gab es zwar, aber, wie es nun einmal so ist: Bestätigt war nichts. So fielen zur Eröffnung des Wettkampfes die Ehrenschüsse, und der traditionelle Wettbewerb begann.

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Die Bewerber auf die Insignien

Krone, Apfel und Zepter zersplitterten schnell unter den einhämmernden Geschossen, immer trostloser sah das anfangs noch stolze, goldene Geflügel aus. War die Schlange der Schießwütigen zu Beginn noch sehr lang, nahm der Mut der anstehenden Schützen schnell ab, als die Insignien der Holzschnitzerei in luftiger Höhe den Kugeln zum Opfer fielen. Der Schwanz zerbarst, der rechte Flügel brach ab und stürzte unter dem Raunen der schaulustigen Menge zu Boden, dann der linke, und es kristallisierte sich heraus: Der letzte verbliebene Konkurrent, der gegen unseren Aspiranten antrat, war niemand geringerer als Franz Streitbürger, Hauptmann der Dritten, der zu seinem 25jährigen Kronprinzen- Jubiläum wieder eine Kette tragen wollte. Und auch er meinte es ernst!

Der noch prachtvolle Adler zu Beginn des Beschusses

Der noch prachtvolle Adler zu Beginn des Beschusses

So wechselten sich die beiden Anwärter auf dem glühend heißen Schießplatz verbissen Schuss um Schuss ab. Feldstecher wurden weitergereicht, um den Zustand des mittlerweile durchlöcherten Torsos zu begutachten und die nächsten Einschläge zu planen. Mit versteinerten Gesichtern wurde das Gewehr immer wieder nachgeladen, die Spannung knisterte, und jeder herabfallende Zahnstocher aus den Resten des Adlers ließ die Menge am Rande aufstöhnen. Alle waren gepackt, denn hier fand ein nervenzerreißender Wettstreit statt, der spannender war als jedes Länderspiel! Die Schweißtropfen auf der Stirn der beiden Bewerber rannen nicht nur aufgrund der hohen Lufttemperatur hinab, jedes unnötige Wort fiel dem Stress zum Opfer. Beide Bewerber zielten genau und trafen hart.
Und dann geschah es: Der durch zahlreiche Einschläge von oben nach unten gespaltene Torso stürzte nach einem Treffer durch Christian Giacomin aus der 2. Kompanie zu Boden, viele der Umstehenden jauchzten  erleichtert auf: „Der neue König ist gefunden!“
Doch zu früh gefreut! Der geschulte Blick von Oberst Fehring blieb am Kugelfang hängen, und er musste den Jubel ausbremsen: „Der Adler ist noch nicht komplett gefallen, es hängt noch ein Stückchen im Fangkasten! Die Regeln sind eindeutig: ALLES muss heruntergefallen sein.“ Und tatsächlich befand sich noch ein Hölzchen an der Verschraubung, kaum größer als eine Zigarettenschachtel!
Der nächste Schuss stand Franz Streitbürger zu, und er beendete mit einem gezielten Treffer die Sache. Der verbliebene Splitter fiel, letztendlich konnte sich „Franz von der Dritten“ als unser neuer König bejubeln lassen, und für uns war klar: In diesem Jahr ist „die Dritte“ noch einmal in den Genuss gekommen, aber im nächsten Jahr werden wir uns die Kette holen!
Fairness steht bei unseren Wettkämpfen ganz oben, und so führte einer der ersten Gänge des neuen Königs zu seinem unterlegenen Konkurrenten, dem er die Hand schüttelte mit den Worten: „Hier gewann nicht unbedingt der bessere Schütze, sondern der Glücklichere!“
Die Entscheidung kam keinen Augenblick zu früh: Nur wenige Minuten später unterbrach ein kurzer Wolkenbruch die Festivität, der mit einem klärenden Gewitter die Hitze und die Ladung aus der Luft nahm . Welch eine Symbolkraft nach diesem an Spannung kaum zu überbietenden Wettstreit!

An dieser Stelle also unseren herzlichen Glückwunsch an Franz Streitbürger, der uns mit seiner Königin Birgit Hagemeier durch das kommende Schützenjahr führen wird!

(IB)